Cliff Richard & The Shadows - Reunited – 50th Anniversary Album
Als im Jahr 1959 der blutjunge, kaum 19jährige britische Sänger CLIFF RICHARD seine bis heute auf höchstem Level andauernde Karriere als unzerstörbarer Rock’n’Roller begann, benötigte er natürlich eine Begleitband für seine Liveauftritte. Diese gründeten Cliffs Altersgenossen Hank Marvin (git), Bruce Welch (git) und Brian Bennett (dr) zunächst unter dem Namen „The Drifters“. Hiergegen erhob allerdings die allseits bekannte, gleichnamige US-Soul/Pop-Truppe (erinnere: „Kissing in the Back Row of the Movies“, „Up on the Roof“ etc.) Einspruch, weshalb man beschloss, sich in „THE SHADOWS“ umzubenennen; der Legende nach, einigte man sich auf ebendiesen Bandnamen, da die begabten Instrumentalisten ja stets im Schatten ihres unangefochtenen Frontmannes Cliff Richard standen.
Bis Ende der 60er Jahre fungierten „The Shadows“ als stete instrumentale Begleiter des als Harry Rodger Webb am 14. Oktober 1940 im indischen Lucknow geborenen Weltstars. Man feierte einen Welthit nach dem anderen, bevor sich Sir Cliff eine neue Backing Band suchte, man sich in aller Freundschaft trennte, und daraufhin nur noch ganz sporadisch, überwiegend aus feierlichen Anlässen, gemeinsam musizierte.
Über 30 Jahre lang, hatte es keinerlei kreative Kooperation zwischen Sir Cliff und den „Shadows“ mehr gegeben, Doch nun, zum 50jährigen Bühnenjubiläum des scheinbar ewigjungen Popstars mit der so eindringlichen, wie einschmeichelnden Stimme, entschlossen sich beide Parteien, noch ein allerletztes Mal ein Album zusammen aufzunehmen, und sich daran anschließend auf eine umfangreiche Tournee zu begeben.
Das Ergebnis dieser zeitbegrenzten Wiedervereinigung liegt nun als Tonträger vor. Wer sich „Reunited – 50th Anniversary Album“ (EMI) in den CD-Spieler einlegt, spürt bereits bei den ersten Takten die enorme, übersprudelnde Spielfreude, welche die vier betagten Herren bei den Studio-Sessions aufs Tapet gelegt haben. Sir Cliff mag zwar schon knapp 69 Jahre reif (nicht „alt!“) sein, Hank, Bruce und Brian dürften auch nicht mehr zu den Jüngsten zählen – aber, die vier Vollblutmusiker rocken und rollen allesamt auf dieser phänomenalen Silberscheibe, als seien sie gerade erst dem Übungsraum entsprungen.
Ganze 22 Titel befinden sich auf „Reunited“ – wer ein Faible für schmusigen Rock’n’Roll hat, dürfte eigentlich die meisten derer seit Ewigkeiten kennen (und lieben).
Sir Cliffs Einstieg in die Popbranche, die fetzige Rocknummer „Move it“ (1958), ist darauf genauso zu vernehmen, wie der rasante Bluesrocker „It’ll be me“ (1962), den jüngere Semester vermutlich eher in der deftigeren Heavy-Auslegung von „Blues-Albino“ Johnny Winter (1988) kennen, oder die plietsche Up-Tempo-Nummer „Do you want to Dance“, die bereits 1958 einen globalen Erfolg für den amerikanischen Soulbarden Bobby Freeman bedeutet hatte.
Allgemein war Sir Cliff, der 1995 von Queen Elizabeth II. als erster Unterhaltungsmusiker überhaupt, in den Ritterstand erhoben wurde, ähnlich wie sein US-amerikanisches Pendant Pat Boone, ein überwiegend sanfter, „braver“, schlagerhafter Rock’n’Roller. Wüste Exzesse, wilde Bühnenshows, Affären, Sex, Drogen etc. gab es bei ihm bis heute zu keinem Zeitpunkt.
Folglich sind auch die meisten seiner frühen Lieder, die er nun für „Reunited“ mit seinen alten Freunden von den „Shadows“ neu eingespielt hat, mehrheitlich bieder, freundlich, lebensfroh, aufmunternd, dabei aber durchwegs total eingängig und ohrwurmträchtig ausgefallen und ausgestaltet.
Die beiden ersten Nummer-Eins-Hits (von insgesamt 14 (!) Spitzenreitern in GB) des tiefgläubigen Christen waren die gemächliche, radikal romantisch-sehnsüchtige Countryballade „Travellin’ Light“ (1959) und der konsequente Dauerbrenner „Living Doll“ (dto.) – einer DER britischen Popklassiker des 20. Jahrhunderts schlechthin. Wunderschöne Gänsehaut-Balladen und Mid-Tempo-Melodien folgten: So z.B. die klassische Teenieschnulze „Please don’t tease“ (1960), das liebevoll schwülstige Jugenddrama „The Young Ones“ (1962, aus dem gleichnamigen Film), das traumhaft verträumte, streicherverzierte Liebeslied „The Next Time“ (1962) oder der walzerähnliche Schlager „Bachelor Boy“ (1963).
Zu den weiteren unvergesslichen Hits, derer sich Sir Cliff & seine ‚Schattenmänner’ anno 2009 nochmals angenommen haben, zählen z.B. der peppige Doo-Wop-Rocker „I could easily fall (in Love with you)“ (1964), der 1966er-Hitparadenstürmer „In the Country“, die kongenialen Urlaubshits „On the Beach“ (1964, rasant, vorantreibend) und „Summer Holiday“ (1963, wiegend, sprichwörtliche Sommerfrische geradezu mit jeder Note versprühend), der vertrackte, Bo-Diddley-ähnliche Talking Blues „Willie & the Hand Jive“ (1957 im Original von Johnny Otis aufgenommen, später u.a. von „Gitarrengott“ Eric Clapton oder Hippielegende „Greatful Dead“ gecovert), die liebenswerte Romanze „Don’t talk to him“ und – selbstverständlich – „Lucky Lips“ (1963) – ein unvergleichlicher Evergreen bester Machart, den die deutschen Musikfreunde als „Rote Lippen soll man küssen“ kennen, seinerzeit von Sir Cliff persönlich in unserer Muttersprache hierzulande zu einem Tophit per Excellance gemacht.
Doch Sir Cliff und Schatten belassen es zu ihrem 50jährigen Bühnenjubiläum keinesfalls bei den äußerst gelungenen, ansprechenden und mitreißenden Neuaufnahmen ihrer „Greatest Hits“ aus den 50er und 60er Jahren.
Sie suchten sich für „Reunited“ drei Klasse Fremdtitel aus jener Ära aus, die sie für hier analysierten Tonträger proper und von immensem Charme beseelt neu aufbereiteten. Dabei handelt es sich um Eddie Cochran’s trotzige Teeniehymne „C’mon Everybody“, den fetzigen, rockigen, bläserbetonten Rocker „Sea Cruise“ (im Original von Frankie Ford, auf Deutsch bzw. Bayerisch 1980 als „Achterbahn“ von der Münchener „Spider Murphy Gang“ interpretiert) und – als schier perfekter Ausklang von „Reunited ausgewählt – einen DER Kindheitsfavoriten des Verfassers dieser Zeilen, Guy Mitchells 1956er-Riesenhit „Singing the Blues“, den wir in diesem, unseren Lande überwiegend in den muttersprachlichen Sichtweisen von Wolfgang Sauer („Warum strahlen heut’ Nacht die Sterne so hell?“, 1957) bzw. Benny (Schnier) („Zwei wie wir“, 1974) kennen und lieben.
Sir Cliff, Hank, Bruce, Brian und die Neu-Schatten Mark Griffiths (b, harp) und Warren Bennett (key) haben es gottlob unterlassen, ihren Meisterwerken von vor 40, 50 Jahren unnötige „Modernität“, etwa mittels Drum-Computern oder gar grausigen Dancefloor-Elementen, hinzuzufügen. Sie haben manche Titel einwenig im Tempo angezogen, nutzten natürlich die beste und neueste Studiotechnik, und arrangierten z.B. „Singing the Blues“ nicht etwa im Stile des zurückhaltenden Guy-Mitchell-Originals, sondern nahmen sich hierfür vielmehr die brodelnde, wiegende Coverversion des britischen Bluesheroen Dave Edmunds aus 1974 zum Vorbild.
Für diejenigen unter uns, die das Glück hatten, in den 50ern und 60ern direkt ganz nah am Geschehen gewesen zu sein, ist „Reunited“ als kleine „Zeitreise“ genau dorthin gleichsam zu empfehlen, wie für uns „Spätgeborene“, die wir all diese umwerfenden Lieder zehn, 20 Jahre später von unseren Eltern vorgespielt bekamen. Für Menschen, die noch später das Licht der Welt erblickten, könnte sich diese tolle Scheibe zumindest als eine mitreißende, zum Mittanzen und Mitschmusen anregende Partyuntermalung erweisen. Denn, Ihr lieben 90er- und 2000er-Kinder: Es gab, ob Ihr es glaubt oder nicht, schon ein phänomenales Rockleben VOR „Tokio Hotel“ und Co.!
Gesamtnote: Bestwertung!
Quelle: Holger Stürenburg
Aktualisiert (Dienstag, den 06. Oktober 2009 um 18:52 Uhr)


































